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Ausstellung | Museum des Lebens. Private Erinnerungskultur aus Neukölln

29. Mai 2021 – 30. Dezember 2021

Museum Neukölln, Alt-Britz 81, 12359 Berlin

“In der Ausstellung „Das Museum des Lebens. Private Erinnerungskultur aus Neukölln“ werden Fotografien, Dokumente und Gegenstände präsentiert, die über die Lebenswege und Schicksale von zehn Verstorbenen erzählen, deren Leben eng mit Neukölln verbunden waren. Auf eindrückliche Art und Weise werden die persönlichen Nachlässe der Verstorbenen in Szene gesetzt. Zusammen mit sensibel komponierten Hörstücken werden ihre Haltungen und Einstellungen reflektiert.
Wir widmen uns den Erinnerungen der Angehörigen und Freund*innen und würdigen das Leben von Menschen, die während ihres Lebens nicht im Scheinwerferlicht öffentlicher Aufmerksamkeit standen. Das „Museum des Lebens“ gibt denjenigen eine Stimme, die sich von der Komplexität des Lebens, von seinen tragischen und euphorischen Seiten, nicht abschrecken lassen und reflektiert in welcher Weise wir die Erinnerung an einen nahestehenden Menschen als Teil unseres Lebens betrachten können.”
(Übernommen aus der Ausstellungsvorstellung des Museum Neukölln)

In dieser Ausstellung wird auch an Burak Bektaş erinnert.

Digitale Ausstellungseröffnung: “The violence we have witnessed carries a weight on our hearts”

21. Mai bis zum 1. August 2021

Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

Die Künstlerin Talya Feldman wurde in diesem Jahr mit dem DAGESH-Kunstpreis vom Jüdischen Museum Berlin und Dagesh.
Jüdische Kunst im Kontext ausgezeichnet. Ab dem 20. Mai läuft ihre Ausstellung JMB: In ihrer multi­medialen Arbeit unter­sucht sie die Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland von den 1980er Jahren bis heute. Feldmans Arbeit präsentiert u. a. Sprach­aufnahmen von Über­lebenden rechter, rassistischer und anti­semitischer Gewalt, von Familien der Terror­opfer und Initiativen, die gegen rechten Terror kämpfen. In ihrer Arbeit öffnet die Künstlerin ein Panorama pluralistischen Erinnerns und macht die Vielfalt von Erinnerung und Zeugen­schaft erfahrbar.
Die Eröffnung vom 20. Mai 2021 könnt ihr online bei youtube sehen.

Aus der Installationsvorstellung bei Dagesh
“Aus der Perspektive der betroffenen Menschen zeigt Talya Feldman, wie groß die Traumata für das Umfeld der Opfer auch nach den Anschlägen sind – bis heute. Die Stimmen in der Installation thematisieren auch die Rolle von Polizei, Verfassungsschutz und Justiz, die sich in zahlreichen Fällen zu spät und nicht ausreichend auf die Täter aus rechten Netzwerken konzentrierten. So wurden bereits 1980 im Fall der Ermordung von Shlomo Lewin und Frida Poeschke die Täter zunächst im Umfeld der Opfer gesucht, obwohl verschiedene Hinweise für rechtsextreme Täter sprachen. Nicht zuletzt die Anschlagsserie des NSU und die Anschläge von Halle und Hanau haben gezeigt, wie mangelhaft der Schutz vor und die Aufarbeitung von rechtem Terror in Deutschland nach 1945 funktioniert hat. Diese Kontinuität macht Talya Feldmans Installation erfahrbar.”

PS.
Hierbei wird sich auch auf den Mord an Burak Bektaş und die Verweigerung von Aufklärung bezogen.

Redebeitrag von Familien Bektaş zum 9. Todestag von Burak am 5.4.2021

Zunächst bedanken, möchte ich mich im Namen der Familie Bektaş bedanken, dass sie trotz der Risiken so Zahlreiche erscheinen seid.

Mein Name ist Murat ich bin der Cousin von Burak. Vor 9 Jahre eröffnete ein unbekannter Mann das Feuer auf eine Gruppe Jugendlicher und ermordete dabei Burak.
Seit 9 Jahren gehen wir auf die Straße und stellen die selben Fragen.
– Wer hat Burak ermordet?
– Wieso musste er sterben?
– Was war das Motiv des Täters?

Seit 9 Jahren kann uns weder die Polizei, die Mordkommission noch die Politik diese Fragen beantworten. Damit ergeben sich weitere Fragen.
– Wie kann es sein, dass ein Mörder seit 9 Jahren auf freien Fuß ist und ungestraft davon kommt?
– Wann wird der Mörder seiner gerechte Strafe bekommen?
– Wann werden wir Gerechtigkeit erfahren?
Eine frage stelle ich mir nach 9 Jahren nicht mehr.
– Hat die Mordkommissionen und Politik versagt?

Denn sie hat versagt.
Genau so wie die Frage, ob wir weiterhin auf die Straßen gehen werden.
Sie denken vielleicht, dass das irgendwann aufhört und dass wir es gut sein lassen.
Aber wir werden so lange auf die Straße gehen bis der Mörder für immer hinter Gittern ist.
Burak wir lieben und vermissen dich und wir werden für dich kämpfen auch wenn es ein weiteres Jahrzehnt dauert.

Rede der Burak-Initiative bei der Demonstration am 8. Mai in Berlin

8. Mai: Ihr seid keine Sicherheit!
Gemeinsam gegen Rassismus und Nazis in den Sicherheitsbehörden
https://www.ihrseidkeinesicherheit.org/

Rede als Audio bei archive.org / mp3

Hallo,

Ich spreche für die Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş.
Wir freuen uns sehr, dass wir mit euch allen den Jahrestag der Kapitulation Deutschlands und der Befreiung vom deutschen Faschismus feiern.
Wir freuen uns, dass wir so viele sind, die heute lautstark gegen Rassismus und Nazis in den Sicherheitsbehörden auf die Straße zu gehen.
Es ist bitter nötig!

Deutschland hat ein Polizeiproblem.
So viele Fälle, so viele Geschichten, so viele Erlebnisse belegen das.
Wir wollen das am Beispiel von Burak Bektaş darlegen.

Burak Bektaş wurde im Alter von 22 Jahren ermordet.
Am 5. April 2012 stand er mit seinen Freunden in der Nähe des Neuköllner Krankenhauses auf der Straße und unterhielt sich.
Ein unbekannter weißer, älterer Mann näherte sich der Gruppe und schoss auf sie.
Es gab keinen Wortwechsel. Burak starb. Zwei seiner Freunde wurden lebensgefährlich verletzt.
War das Motiv Rassismus, diese Frage steht im Raum.

Auch neun Jahre nach der Tat gibt es keine Aufklärung.

Die Polizeiprobleme in Buraks Fall begannen direkt am Tatort:

Ein migrantisch gelesener Mann, der auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause war, versuchte Buraks Freunde zu beruhigen und zu trösten, noch bevor Notarzt und Polizei am Tatort waren.
Die eintreffende Polizei richtete die Waffe auf diesen Mann und hielt es nicht für nötig, ihn als Zeugen zu befragen.
Für wen wird damit welche Sicherheit hergestellt?
Aus Hanau kennen wir eine ähnliche Geschichte:
Filip Goman, der Vater von Mercedes Kierpacz, hat sie erzählt.
Während er am Tatort mit seiner Familie auf Nachricht von seiner Tochter wartete, hat das SEK ihnen eine Waffe an den Kopf gehalten.
„Mit Lichtern, Hände hoch und auf den Boden und nicht bewegen. Da hab ich gesagt: Bin ich jetzt im falschen Film? Haben wir diesen Anschlag jetzt gemacht? Wir, die Roma?“

Die Polizei nahm den einzigen nicht-weiß-deutschen Menschen am Tatort in Neukölln als Kriminellen war, während er der Einzige war, der direkt nach dem Mord an Burak und dem Mordversuch an zwei seiner Freunde versuchte, den Überlebenden beizustehen.
Drei ältere weiße Männer hingegen, die gerade aus einer „rechtslastigen“ Kneipe in der Nähe kamen und keinen wirklichen Grund nennen konnten, weshalb sie am Tatort auftauchten, wurden von der Polizei freundlich als Zeugen und nicht etwa als Tatverdächtige registriert.

In der Nähe des Tatorts wurde in der Tatnacht eine Person mit türkischem Namen festgenommen. Es stellte sich bald heraus, dass die Person mit dem Mord an Burak nichts zu tun hatte.
Die Akte in Buraks Fall trägt aber bis heute diesen türkischen Namen.
Woran erinnert uns das?
Im Fall der NSU-Morde wurden die ermittelnden Sonderkommissionen mit Namen benannt, die suggerierten, dass es sich um eine „türkische Tat“ handeln könnte: „SoKo Bosporus“ und „Soko Halbmond“.

Was die Polizei in der Tatnacht aber nicht gemacht hat:
Die Polizei hat nicht Buraks Eltern aufgesucht und ihnen nicht die Nachricht vom Tod ihres Sohnes übermittelt.
Burak starb um 1:20 Uhr. Um 5:50 Uhr gingen Buraks Eltern selbst auf die nahe Polizeiwache, um ihren Sohn als vermisst zu melden.
Dort erst erfuhren sie um 6:30 Uhr, dass Burak erschossen worden war. Stunden quälender Ungewissheit hätten ihnen erspart bleiben können.
Das erinnert uns an Hanau, wo die Polizei die Angehörigen der Ermordeten stundenlang in einer Turnhalle warten ließ, bis sie von offizieller Seite die Nachricht erhielten, ob ihre Verwandten noch am Leben waren.
In diesen über alle Maßen schwierigen Stunden wurde ihnen keine psychologische Unterstützung angeboten. Die Geringschätzung gegenüber den Angehörigen empört uns.

Der Tatnacht folgten die Ermittlungen, die, wie wir alle wissen, bis heute nicht zur Aufklärung geführt haben. Diese Ermittlungen wurden nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit geführt.

Das wollen wir an ein paar Beispielen zeigen:

Ganz in der Nähe des Tatorts gibt es eine Bushaltestelle. Die Busse der BVG verfügen über Kameras, die möglicherweise den Täter aufgezeichnet haben könnten.
Aus diesem Grund forderte die Polizei die Videos von der BVG an.
Erst nach 2 Wochen wurde bemerkt, dass die BVG die Videos vom falschen Zeitraum bereitgestellt hatte. Die richtigen Videos waren in der Zwischenzeit gelöscht worden. Sie durften nur 24 Stunden gespeichert werden – dies war der Polizei sicherlich bekannt.

Im Dezember 2013 wurde von einem Hinweisgeber ein möglicher Tatverdächtiger genannt: Rolf Zielezinski.

Rolf Zielezinski war bereits wegen früheren Waffendelikten aktenkundig.
Er sei mehrmals für „Schießübungen“ nach Rudow gefahren und habe gegenüber dem Hinweisgeber angekündigt, dass er in der Gegend des Krankenhauses Neukölln „rumballern“ wolle.
Dennoch wurde Rolf Zielezinski weder vernommen, noch gab es eine Wohnungsdurchsuchung oder eine Gegenüberstellung mit den Überlebenden
Vielmehr wurde ohne Grundlage behauptet, dass es keinen Zusammenhang mit dem Mord an Burak gebe.
Im September 2015 erschoss Rolf Zielezinski in Neukölln Luke Holland und wurde für diesen Mord verurteilt. In seiner Wohnung wurden Sprengstoff und diverse Nazidevotionalien gefunden.
Luke Hollands Eltern sagten, ihr Sohn könnte noch am Leben sein, hätte die Polizei in Buraks Fall ihre Arbeit gemacht.

Wie sich 2019 herausstellte, kamen die Ermittlungen bereits 3 Monate nach dem Mord für drei ganze Jahre fast komplett zum Erliegen:
Am 29. Juni 2012 wurde ein 50seitiger Bericht von der Abteilung für operative Fallanalyse an die im Fall Burak ermittelnde Mordkommission übergeben.
Dieser Bericht enthielt Hinweise auf weitere notwendige Ermittlungen. Erst drei Jahre später gelangte dieser Bericht in die offizielle Akte des Falls Burak.
Erst drei Jahre nach dem Mord wurden die Ermittlungsempfehlungen zumindest teilweise umgesetzt. Und erst ab diesem Zeitpunkt war die Analyse den Angehörigen und ihren Anwälten zugänglich.
Als die Anwälte öffentlich kritisierten, dass ihnen diese Informationen so lange vorenthalten wurden, warf ihnen die Staatsanwaltschaft eine „Kampagne“ gegen die Staatsanwaltschaft vor.
Damit nicht genug: dreisterweise behaupteten die Behörden, der Bericht sei erst 2015 erstellt worden. Diese Falschaussage wurde mittlerweile eingestanden.
Heraus kam dabei auch, dass eine Arbeitsgruppe unter Führung des polizeilichen Staatsschutzes den Bericht bereits 2014 erhalten hatte, also noch bevor der Bericht Teil der offiziellen Fallakte wurde und den Verfahrensbeteiligten zugänglich war.

Durch diese Verschleppung der Ermittlungen hatten Tatverdächtige natürlich die Chance zu sagen, sie könnten sich nach drei Jahren nicht mehr so genau an die Vorkommnisse erinnern.
Auch hier wieder die Frage:
Für wessen Sicherheit wird hier durch die Polizei gesorgt?

Dieser ganze Vorgang wird von den Behörden als „internes Büroversehen“ bezeichnet.
Wir sagen jedoch: Es handelt sich um eine Weigerung und Verhinderung aufzuklären.
Wir fragen: Wer verhindert hier die Aufklärung? Mit welchem Interesse?
Besteht ein Zusammenhang mit den Verstrickungen des Berliner Staatsschutzes in rechte Netzwerke?

Und damit kommen wir zum heutigen Anlass unserer Demonstration: den 8. Mai 1945.
Esther Bejerano, Überlebende des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, schrieb letztes Jahr:
„Plötzlich gab es keine Nazis mehr, damals, 1945 – alle waren verschwunden. Uns aber hat Auschwitz nicht verlassen. Die Gesichter der Todgeweihten, die in die Gaskammern getrieben wurden, die Gerüche blieben, die Bilder, immer den Tod vor Augen, die Albträume in den Nächten.“
Sie, die Überlebenden, haben „das große Schweigen nach 1945 erlebt”, die Akzeptanz des NS-Unrechts, erlebt wie „Nazi-Verbrecher davonkommen konnten als Richter, Lehrer, Beamte im Staatsapparat und in der Regierung Adenauer“.
Schnell war klar: „die Nazis waren gar nicht weg.“

Nein, die Nazis waren nie weg und sie sind es auch heute nicht.

Wir fordern deshalb:
• Die Entnazifizierung aller Behörden
• Einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung aller rechten und rassistischen Taten in Berlin.
• Die Auflösung des Verfassungsschutzes, weil er nachweislich nichts dazu beitragen kann, die Nazis zu stoppen. Im Gegenteil, sie wurden und werden von ihm gefördert
• Die Aufdeckung aller rechten Machenschaften in den sogenannten Sicherheitsbehörden in Berlin und bundesweit.

Bericht über die Aktion am 5. April 2021 und Redebeitrag von “Trotz alledem!”

Hatirla ve Aydinlat – Burak´i unutma

Aufklären und Gedenken – Burak unvergessen

Die „Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektas“ rief am 5. April zu einer Demonstration in Berlin-Neukölln auf. Trotz eisig kaltem Wetters kamen ca. 500 Antifaschistinnen, Antifaschisten und UnterstützerInnen zu der Manifestation. Ziel war der Gedenkort mit seinem Gedenkstein für Burak Bektas. Vorneweg lief die Familie von Burak, die Eltern, die Geschwister, weitere Familienangehörige und FreundInnen. Dahinter reihten sich alle anderen Initiativen und Menschen in die Demo ein, die an den 9. Jahrestag seiner Ermordung erinnern wollten. In vielen Redebeiträgen und Grußbotschaften wurde der Rassismus und Faschismus und das gesellschaftliche Klima, das diese hervorbringt, angeprangert. Schwerpunkt der diesjährigen Redebeiträge war die Verstrickung von Staat und Nazis. Denn diese wird von Tag zu Tag sichtbarer. Die Initiativen in Neukölln, wie „Basta“, „Kein Generalverdacht“, „Autonome Antifa Neukölln“, eine Britzer Initiative, „Kampagne Entnazifizierung jetzt“ und die „Migrantifa“ schilderten mit Fakten, nicht nur das Versagen der Behörden bei der Aufklärung des Mordes. Sie legten mit vielen Beispielen die Verstrickungen der Behörden mit den Nazis und die Verharmlosung des rechten Terrors durch Innensenator Geisel (SPD) und seiner Polizeipräsidentin Barbara Slowik offen. Die RednerInnen wiesen auf die vielen Nazis und Netzwerke in den Behörden und in der Polizei hin. Sie forderten die Auflösung der Polizei! Sie würde nicht alle Menschen schützen, sie sei nicht der „Freund und Helfer“ von einem Teil der Bevölkerung. Wie Ferhat Kocak, ein Brandanschlagsopfer, in seinem Redebeitrag sinngemäß schilderte: Wir warten auf Aufklärung: Buraks Familie seit 9 Jahren, die Hufeisensiedlung seit 10 Jahren, die Falken seit 11 Jahren, viele jüngere Anschläge, wie der auf den Gedenkstein von Burak, warten auf die Ergreifung der Täter. Er forderte einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des rechtens Terrors in Neukölln.
Ergriffen waren wir von den Grußbotschaften von Anschlagsopfern, wie Ibrahim Arslan, Familie Kubaşik aus Dortmund und von der Initiative. Der Höhepunkt des diesjährigen Gedenkens war für mich die Grußbotschaft einer jüdischen Deutschen aus Halle. Diese Überlebende des Anschlags in Halle schickte ihre wärmsten Grüße. Ihre solidarischen Worte berührten mich ganz besonders. Sie zeigten doch, wie die Kontinuität des Nazi-Faschismus in diesem Land von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle zeigt, dass jüdische Menschen nach dem Völkermord immer noch um ihr Leben fürchten müssen, dass ihr Leben nicht sicher ist in diesem Land.
Der Nazismus mit seinen Wurzeln ist nicht ausgemerzt. Das ganze Geschwätzt von bürgerlichen Politikern über die „wehrhafte Demokratie“ nur ein Täuschungsmanöver, nur eine Beruhigungspille für uns ist. Diese Grußbotschaften und diese Vernetzung der Opfer und der AntifaschistInnen im ganzen Bundesgebiet zeigen doch, wie erfolgreich die mühsame Arbeit der vielen Initiativen und Kämpfe der letzten Jahrzehnte waren. Die Solidarität trägt Früchte. Trotz Kriminalisierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen, trotz gezieltem Rassismus und Ethnisierung von Kriminalität, wie am Beispiel der sogenannten „arabischen Großclans“, trotz Polizeiterror gegen Geflüchtete, gegen migrantische Viertel, gegen migrantisches Gewerbe, dem Kampf gegen Faschismus und Rassismus treten immer neue Menschen bei. Die Herrschenden erreichen das Gegenteil!
Angekommen am Gedenkort wurde noch von der Initiative ein Redebeitrag auf Türkisch und Deutsch gehalten. Zum Schluss bedankte sich ein Familienangehöriger für die rege Teilnahme und die Unterstützung für die Familie Bektas.
Eine Frage würde er sich nicht mehr stellen, sagte er in seinem Redebeitrag: Hat der Staat versagt? Die Antwort war: Ja. Die Opfer von Faschismus und Rassismus sind nicht allein. Antifaschismus wird siegen!
5.4.2021

Redebeitrag von Trotz alledem!

Gedenken heißt kämpfen!

Am 9. Jahrestag seiner Ermordung erinnern und gedenken wir Burak Bektas.
An Burak erinnern heißt, den Schmerz der Familie Bektas zu teilen.
Ein 22 jähriger junger Mann wird in der Blütezeit seines Lebens aus der Mitte der Familie mit Gewalt heraus gerissen. Unerwartet, plötzlich. Ihre Welt bricht zusammen.
Wir sind heute hier, weil wir zusammen mit Familie Bektas an Burak erinnern! Wir sind heute hier, um Meleks und Ahmets Schmerzen zu teilen. Wir sind heute hier um den Geschwistern und der Großmutter Trost zu spenden! Ihr seid nicht allein!
Liebe Familie Bektas, niemand kann euch Burak wieder zurück bringen. Gemeinsam können wir aber Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft schaffen. Durch Erinnern! Durch unsere Solidarität! Durch unsere Menschlichkeit in dieser sonst so kalten Welt!
Wir wollen an den rassistischen Mord erinnern. Ohne Zweifel war der Mord an Burak und der versuchte Mordanschlag an seine vier Freunde ein politisch motivierter, ein rassistischer Mord. Wir verurteilen den Rassismus! Wir verurteilen die Ideologie, die hinter dem Rassismus steckt. Wir klagen den Nazismus an, für den solche Verbrechen Programm und Praxis sind.
Faschismus ist ein Verbrechen an der Menschheit!
Heute klagen wir zugleich das Versagen der Berliner Ermittlungsbehörden an. Kein Tag vergeht an dem der Berliner Innensenator Geisel nicht seine Behörden lobt. 100 Prozent Aufklärung bei Morden lesen wir.
Wir warten seit neun Jahren auf die Ergreifung des Mörders. Wir sehen: Die sogenannten Sicherheitsbehörden des Innensenators klären den Fall nicht auf. Genauso wie die vielen rechtsterroristischen Brandanschläge und Attacken auf als migrantisch definierte und antifaschistisch gesinnte Menschen in Neukölln seit über einem Jahrzehnt nicht aufgeklärt werden.
Wie erklären wir uns das?
Es gibt nur eine Erklärung: Das liegt im System!
Egal ob schwarz-gelb oder rot-rot-grün an der Regierung sind, der Nazismus, der Rassismus, der Antisemitismus, die Roma-Feindlichkeit, die Frauenfeindlichkeit, die Feindlichkeit gegen Nicht Hetero-Menschen sind willkommene Spaltungs- und Unterdrückungsmechanismen in diesem System. Sie gehören zu diesem System!
Burak ist nicht vergessen!
Wir werden an alle Opfer des Rassismus und Faschismus erinnern!
Gedenken heißt Widerstand! Widerstand bedeutet für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen!

AktivistInnen von Trotz alledem!
5.4.2021

Rede von kein Generalverdacht

anlässlich des 9. Todestages von Burak am 5.4.2021

Hi, ich bin Jorinde von der Initiative KGV. Wir sind eine Neuköllner Initiaitve und stellen uns gegen die rassistische Schikane und Kriminalisierung von Neuköllner*innen im Rahmen der Clan-Debatte. Danke an die Burak Bektas-Initiative, dass wir heute sprechen können.

Auch wir trauern heute. Gemeinsam mit euch allen, mit Burak Bektas‘ Familie und den Angehörigen. Nicht nur durch die ungeklärten Umstände rund um den Mord, sondern auch durch die mediale Berichterstattung darüber, durch die wiederholten Anschläge gegen das Mahnmal wurde Burak Bektas Opfer von den rassistischen Zuständen in Deutschland. Wir trauern – und wir werden nicht aufhören, gemeinsam die Aufklärung zu fordern.

Dass Rassismus als Motiv von den Behörden häufig übersehen wird, ist kein Zufall. Denn Rassismus in den Behörden, rassistische Berichterstattung und rassistische Polizeigewalt sind in Deutschland Alltag.

Auch in Neukölln gibt es ein massives Problem mit Polizeigewalt. Kaum vergeht ein Tag, an dem nicht Polizeikräfte den Alltag stören. Große Teile Nordneuköllns gelten als sogenannte „kriminalitätsbelastete Orte“, wo Menschen anlasslos kontrolliert und durchsucht werden können. Das ist eine Steilvorlage für Racial Profiling und eine Praxis, die Grundrechte aufhebt. Sie kommt häufig zur Anwendung.
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Grußbotschaft aus Halle/S.

An die Familie und Freund*innen von Burak Bektaş,

Wir haben uns noch nicht begegnet, aber meine Name ist Talya und ich bin eine Überlebende des rassistischen und antisemitischen Angriffs in Halle vom 9. Oktober 2019.

Auch wenn ich heute nicht persönlich bei euch stehe, sollt ihr wissen, dass ich dort, wo ich bin, bei euch stehe, um diesen schwierigen Moment markieren – 9 Jahre ohne Burak – ohne Gerechtigkeit, ohne Aufklärung, ohne Konsequenzen.

Ich stehe heute bei euch, weil ich verstehe, dass der Hass, der Ihnen Burak weggenommen hat – derselbe Hass ist, der uns Jana L. und Kevin S. am 9. Oktober weggenommen hat. Es ist derselbe Hass, der für mich kam, der für meine Freund*innen in der Synagoge, im Kiez-Döner
und in Wiedersdorf kam.

Ich stehe heute bei euch, weil ich verstehe, dass die Ungerechtigkeit und die Wut, die entsteht, wenn es keine Konsequenzen, keine Ermittlungen und keine Aufklärung von solchem Hass gibt — dieselbe Ungerechtigkeit ist, die sich weigerte, meine Mitkläger vor Gericht als Opfer
anzuerkennen, und dieselbe, die sich weigert, die Stimmen der Betroffenen in Hanau, in Mölln, in Dortmund, in Kassel, in Duisburg, in München und in so vielen anderen Städten in ganz Deutschland zu unterstützen. Wir, die so viel verloren haben – durch rechten Terror und durch
die Strafverfolgungs- und Justizsysteme dass schauen weiterhin weg.

Ich stehe heute bei euch, weil ich weiß, dass ihr diesen Schmerz, diese Trauer, nicht alleinetragen könnt oder sollt. Es ist ein Schmerz, den wir alle tragen müssen. Ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf uns alle. Euer kampf für Gerechtigkeit und Aufklärung ist auch mein
kampf.

Im Judentum gibt es eine Tradition dass der Erinnerung an die Opfer solchen Hass und solche Ungerechtigkeiten, wir sagen, für eine Revolution sein werden. Aber wegen Euch, wegen euere Erinnern an Burak, glaube ich, dass die Revolution bereits begonnen hat. Und so stehe ich in
seinem Namen und in die Namen so viele anderer, die wir verloren haben, heute an eure Seite, und ich stehe jeden Tag an eure Seite. Ich schließe mich eure Revolution an – weil sie auch meine Revolution ist.

In Stärke und Solidarität

Talya – Überlebende des rassistischen und antisemitischen Angriffs in Halle am 9. Oktober 2019

Grußbotschaft des Bündnis Tag der Solidarität /Kein Schlussstrich Dortmund

Grußbotschaft an die Berliner:

Liebe Familie Bektaş, wir sind heute im Herzen mit Ihnen, gedenken heute an Ihren Sohn Burak, der vor neun Jahren ermordet wurde.

Gestern haben wir in Dortmund an Mehmet Kubaşık erinnert, der am 4.4.2006 vom NSU ermordet wurde. Wir unterstützen die Familie Kubaşık in ihren Forderungen nach Antworten und Aufklärung sowie Konsequenzen. Die Familie Kubaşık erfährt viel Solidarität, wir als Bündnis lassen sie nicht allein.

Wir unterstützen auch Ihren Kampf um Aufklärung und ein würdiges Gedenken – zumal der Mord an Burak Parallelen zu den NSU-Morden aufweist. Es ist nicht akzeptabel, dass bis heute die Ermittlungen ins Leere laufen, dass der Mord an ihren geliebten Sohn nicht aufgeklärt wurde.

Der Mord an ihren Sohn reiht sich ein in die lange Liste rassistischer Morde. Solange es keine Aufklärung gibt, ist ihr Kampf unerlässlich, solange der Rassismus in unserer Gesellschaft und in den Sicherheitsbehörden verharmlost wird, darf es kein vergessen geben.

Liebe Familie Bektas, sie sind nicht alleine, nicht nur die Initiative in Berlin, sondern viele Initiativen und Menschen in Deutschland unterstützen sie. Wir zollen unseren Respekt und Mitgefühl.

Bündnis Tag der Solidarität /Kein Schlussstrich Dortmund